„Polyamorie in medialer, sozialer und Identitätsperspektive“

13.04.2017

Inhalt des Forschungsvorhabens: „Vater-Mutter-Kind“.

Was manchen von uns an ein Spiel aus unserer Kindheit erinnert, ist eine spezifische Beziehungs- und Gesellschaftsnorm, die in den vergangenen 50 Jahren massiven Veränderungen unterworfen war und immer noch ist. Gleichgeschlechtliche Beziehungen wurden langsam aber stetig akzeptiert. Zusätzlich erhielten weitere Formen sexueller Orientierung und Identitäten (Bi und Transgender) öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung. Was diese Konzepte/Identitäten (zusammengefasst unter dem englischsprachigen Akronym „LGBT“) mit „traditioneller“ Orientierung gemeinsam haben, sind die Beziehungsausprägungen: Sowohl Sexualität als auch emotionale Liebe wird nur mit einer spezifischen Person praktiziert/geteilt. Vor ungefähr 15 Jahren fand ein weiterer Begriff, der diese bestehenden Strukturen aufbrach, Eingang in die wissenschaftliche Diskussion: Polyamorie – sexuelle und emotionale Mehrfachbeziehungen unter dem Wissen aller Beteiligten.

Hypothesen: Noch nicht umfassend erforscht aus Sicht der Betroffenen und deswegen untersucht werden sollen Fragen nach der Selbstwahrnehmung (ist polyamorös sein eine sexuelle Orientierung, eine Form von Identität, eine intime Handlung, oder etwas ganz anderes?); was ist auf emotionaler und sexueller Ebene passiert, bevor es zum Poly-Outing kam („Liebes- und Sexualhistorie“); wie reagiert das soziale Umfeld auf diese Form der Beziehung (Familie, FreundInnen, ArbeitskollegInnen); wie ausgeprägt ist der Wunsch nach rechtlicher Anerkennung in Form von eingetragenen PartnerInnenschaften oder Ehe(n) (von Relevanz zum Beispiel bei Familiengründung, Versicherungsangelegenheiten, Pensionsansprüchen, Erbrecht etc.); und wäre Anerkennung durch kirchliche Institutionen (z.B. eine kirchliche Trauung zwischen drei Personen) von Bedeutung? Parallel dazu hinaus wird untersucht, wie diese Aspekte in den Medien dargestellt werden, und welches Bild in der Öffentlichkeit vermittelt wird. Schlussendlich soll geklärt werden, ob die Eigenwahrnehmung polyamorös lebender Personen der medialen Fremddarstellung wider- oder entspricht.

Methoden: Geographischer Schwerpunkt der Untersuchung ist Österreich. Im ersten Schritt werden 30 bis 35 Personen, die in polyamorösen Beziehungen in und um Wien leben, befragt (Durchführung von narrativen autobiographischen Interviews). Im zweiten Schritt werden ungefähr 150 deutschsprachige Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, die seit dem Jahr 2007 in Österreich erhältlich waren und das Schlagwort Polyamorie enthalten, analysiert und anhand einer sozialwissen-schaftlichen Methode (qualitative Inhaltsanalyse) ausgewertet.
Was ist neu und besonders: Bisher wurde vor allem der anglo-amerikanische Raum untersucht; nur ganz wenige Erhebungen fanden im und über den deutschsprachigen Raum statt. Dem möglichen Wunsch nach kirchlicher Anerkennung wurde bis jetzt nie nachgegangen; darüber hinaus gibt es nur wenige Untersuchungen zum Bedürfnis rechtlicher Anerkennung. Die Frage nach polyamor sein als sexuelle Orientierung wurde bis jetzt in der Form an die Poly-Gemeinschaft nicht gestellt, und diese Antworten könnten den Diskurs um eine Frage erweitern, die weit über die akademische Diskussion hinausgeht: Sind polyamorös lebende Personen eine sexuelle Minderheit und braucht das LGBT-Akronym daher eine Erweiterung um ein „P“ für Polyamorie?

Stefan Ossmann: AHS-Matura 1994, mehrjährige Auslandsaufenthalte und Reisen, Studienbeginn 2004. Abschuss des Individuellen Diplomstudiums „Internationale Entwicklung“ 2011, Abschluss des Magisterstudiums „Publizistik- und Kommuni-kationswissenschaft“ 2012, beides Universität Wien. Seit 2013 Doktorand, seit 2016 Anstellung am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Projektausführung: Stefan Ossmann
Projektleitung: Franz X. Eder
Projektlaufzeit: 1. Februar 2016 bis 31. Jänner 2019